Seit zwei Tagen versuche ich nun, besagtes ernsthaftes Gespräch zu führen, es gelingt mir einfach nicht. Obwohl Boss das für heute morgen 11.00 Uhr angesetzt hat, ist nichts passiert. Er kam zwar gegen 10.30 Uhr, wurde dann aber von seiner "Ex-oder-nicht-oder-doch-wieder-oder-wieder-nicht-ex"-Lebengefährtin und von seinem Filius durch deren sich ständig abwechselnden Telefonanrufe komplett in Beschlag genommen. Es muss wohl sehr wichtig gewesen sein, wenn man in vier Stunden ca. zehnmal anruft. Danach musste er noch mit unserem in England wohnenden Handelsvertreter reden, der zugegebenermaßen um 15.00 Uhr seine Heimreise antreten musste. Als er um 15.15 Uhr dann wieder in sein Büro kam, habe ich ihn sofort verhaftet, aber er sagte mir, er müsse jetzt leider weg. Was kann so wichtig sein, dass er dem für mich äußerst wichtigen Gespräch vorziehen muss? Es geht hier schließlich um einen Misstrauensvorwurf, den ich auf keinen Fall auch nur ansatzweise im Raum stehen lassen kann. Sein nächster Termin ist erst um 17.00 Uhr nur ein paar Kilometer von hier. Das kann es kaum sein, um da hin zu kommen, braucht er höchstens 10 und nicht 105 Minuten. Will er noch ein kleines Schläfchen halten? Muss er etwas wichtiges einkaufen? Ich hoffe, er zieht sich einen blauen Strampelanzug an und rettet kurz die Welt, denn ansonsten wird sich mein Verständnis in äußerst engen Grenzen halten.
Sein Angebot stattdessen, man könne sich ja morgen früh in der Stadt treffen, da hätte man dann ja eine Gelegenheit.
Jetzt erfahre ich, er musste vor seinem Termin noch in die Reinigung. Na, das erklärt alles. Da bin ich ja jetzt beruhigt.
Ich bin zum Glück nicht angestellt hier. Heißt, ich werde mal intensiv über meine Zukunft nachdenken müssen. Ich brauch nicht viel, aber wenn meine Leistung nicht entsprechend honoriert wird - und damit meine ich nicht nur finanzielle Aspekte -, dann muss ich die Frage stellen, ob das noch die richtige Partnerschaft ist.
Ausgerechnet ich, der ständig gute gelaunte und nach eigenem Bekunden sehr zufriedene Berufsoptimist ergiesst sich hier in dramatischer, ach was sag ich, tragischer Prosa. Das muss aufhören.
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